Fahrt in die Dunkelheit

Um 11.40 Uhr legten wir ab, nachdem im Hafen ausklariert werden konnte. Der Hafenmeister organisierte für uns die Grenzpolizei und den Zoll in den Hafen, so dass wir nicht mehr nach Mangalia mussten, um alle Formalitäten dort zu erledigen. Dies war ein perfekter Service, den wir nicht erwartet hätten.

Das Meer erwartete uns schließlich mit einer leichten Briese und einer Welle von hinten, die sich in großen Abständen unter der Alegria durchschob. Die Segel wurden gesetzt, der Motor verstummte... Ruhe!
Wir schauten uns an und strahlten über das ganze Gesicht... aber wirkliche Ruhe, wie ich es sonst beim Segeln erlebe, habe ich nicht verspürt. Da blieben die unzähligen Fragezeichen auf die es keine Antwort gab. Wir begaben uns in den Schutz Gottes und der ALEGRIA. Wir vertrauten uns und waren für dieses Abenteuer bereit.

Die Nacht brach ein als wir die rumänische Grenze überfuhren. Bulgarien sollten wir nur bei Nacht sehen... sofern es davon etwas zu sehen gab. Zunächst fuhren wir noch entlang der Küste, bis uns schließlich auch die letzten Lichter verließen. Das letzte Leuchtfeuer als Orientierungspunkt wurde immer undeutlicher und verdunkelten schließlich im Nichts. Um uns herum nur Nacht und Wasser. 
Fahrt in die Dunkelheit Zu Beginn schien noch der Mond und zahlreiche Sterne... später zogen Wolken auf und machten die Nacht noch dunkler. Es gibt tatsächlich verschiedene Abstufungen von „dunkel“. Nur die weißen Schaumkronen vom Meer und der Bugwelle waren deutlich zu erkennen.
Wir wechselten uns ca. alle 2-3 Stunden ab. In der anderen Zeit versuchten wir etwas zu schlafen. In der Nacht sahen wir zwei bis drei Schiffe, die sich irgendwo mit uns auf dem Wasser bewegten. Sie waren jedoch soweit entfernt, dass man sich einfach nur freute, irgendetwas zu sehen.
Wir haben keinen Autopiloten an Bord, so dass immer einer aufmerksam den Kurs halten muss. Hierzu diente uns der Kompass und das GPS.

Fahrt in die Dunkelheit Während der Fahrt durch die Nacht bot die ALEGRIA nicht nur uns Schutz, sondern auch zahlreichen Tieren. Viele Libellen, Käfer und Vögel setzten sich auf unser Schiff und fuhren mit. Ein Vogel begleitete uns bis kurz vor das Ufer. Er wurde über die Stunden richtig zutraulich.
Gegen drei Uhr fing es an zu regnen. Ich ging unter Deck und konnte dort gut schlafen. Carsten saß hingegen im strömenden Regen draußen. Wie er mir später erzählte, waren unzählige Blitze über Land zu erkennen. Diese kamen zum Glück nicht näher. Um 5.30 Uhr die Ablösung von mir. Auch ich sah in der Ferne einige Blitze und wünschte mir das Morgenlicht sehnlichst herbei. Kurze Zeit später konnte ich aus Richtung Osten etwas Dämmerung erkennen. Später die ersten Sonnenstrahlen und dann wurde der Tag durch ein unglaubliches Erlebnis begrüßt. Eine Delfinschule begleitete uns eine Weile. Direkt neben uns tauchten sie in regelmäßigen Abständen auf. Jegliche Ängste verschwanden.
Über die nächsten Stunden tauchten immer mal wieder Gruppen mit Delfinen auf. Es war sehr schön, da sie mich ablenkten. Gegen 15.00 Uhr erreichten wir den Hafen Igneada in der Türkei. Da wir doch nicht einklariert haben, durften wir auch noch nicht an Land. Wir ankerten in dem großen Hafenbecken. Durch die Gesänge der Minarette und das rege Treiben am Hafen wurde uns bewusst, dass wir in der Türkei sind.

Am nächsten Morgen beschlossen wir die letzte Strecke bis zum Bosporus durchzufahren (70 sm). Uns war klar, dass wir den Bosporus nicht bei Tageslicht erreichen würden. Wir wussten allerdings nicht, was es bedeutet.
Das ist segeln Die Fahrt war anstrengend, da der Wind leicht von vorne kam und somit eine Welle aufbaute. Auch an diesem Tag begleiteten uns wieder Delfine. Die Schwarzmeerküste der Türkei sieht vom Wasser wunderschön aus. Sanfte grüne Hügel, Felsenklippen und dazwischen immer mal wieder leere Sandstrände.

Die Dämmerung kam, es lagen noch 20 sm vor uns. Die ersten Lichter von Land waren zu erkennen. Irgendwann kam aus der Dunkelheit ein Schiff mit Suchscheinwerfer und einem Blinklicht auf uns zu. Es sah aus wie ein Fischerboot. Winkende Menschen an Deck, die uns sagten, dass wir nicht nach Istanbul fahren können... wir sollten umdrehen. Irgendwann fiel das Wort Fisch und Netz. Sie gaben uns zu verstehen, dass sie uns um die Netze herumführen wollten. Wir erkannten kleine Lampen, die das Ende der Netze kennzeichneten. Darauf sollten wir auf der folgenden Strecke achten. Gar nicht so einfach. 

Kurz vor dem Bosporus sahen wir unzählige Lichter... was war das? Es waren Schiffe, die vor Anker lagen. Sie lagen in Reihen, so dass wir durch sie durchfahren konnten. Sie „standen“ Spalier. Dahinter erkanten wir dann auch schon die Leuchtfeuer, die die Bosporuseinfahrt kennzeichneten. Die See wurde noch einmal kabbelig und schaukelte uns durch die Felsenenge. Sie ist jedoch so breit, dass neben uns noch bequem ein Tanker fahren konnte. Wir sahen vor uns Millionen von Lichtern blinken. Wie funkelnde Diamanten leuchteten sie uns aus der Ferne entgegen. Da liegt Istanbul, umschlungen von lauter Hügeln.
Dahin wird unsere Reise morgen weitergehen! Wir schliefen tief und fest. Das ist es nun gewesen das „Schwarze Meer“. Es war wirklich schwarz und durch unsere Nachtfahrt erschien es noch dunkler. Wir erlebten es noch friedlich, im Vergleich zudem, was es sonst noch an Wildheit zu bieten hat. Darüber bin ich aber nicht traurig. Ich bin glücklich, so viele Wegbegleiter (Delfine) gehabt zu haben. Sie haben uns die Fahrt enorm versüßt.

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