Wir kommen ans Meer
Bereits im Kanal konnten wir ca. 5 km vor der Schleuse das Meer riechen. Ein steifer Ostwind blies uns den Geruch des Meeres entgegen. Vor der Schleuse hieß es dann mal wieder warten. Zunächst mussten wir die 100 € Kanalpassage bezahlen und erfuhren, dass wir auf den Schleppverband warten müssten, der mit uns am Morgen geschleust wurde. Dieser sollte in 1,5 Stunden eintreffen. Schade, wir waren nämlich so froh recht früh an der Schleuse zu sein. So hatten wir aber Zeit für einen Kaffee und andere Dinge. Aus den 1,5 Stunden wurden schließlich 3 Stunden. Der Schubverband hatte etwas Verspätung. Wir freuten uns schon, ihn zu sehen. Er bewegte sich jedoch nicht mehr und näherte sich auch nicht. Nichts tat sich! Ich starrte auf die Schleuse, ob eventuell etwas hochgeschleust wurde... tatsächlich nach einiger Zeit wurde ein Schiff in der Schleuse immer größer und größer. Es fuhr aus. Ein Ozeanriese von Malta. Beeindruckend so dicht neben uns!
Danach näherte sich auch der Schubverband und fuhr in die Schleuse ein. Wir legten zu unserer vorerst letzten Schleusung ab. Der Schubverband rangierte noch in der Schleuse, ich hielt respektvoll Abstand. Dann schien er still zu stehen. Ein Schleusenmitarbeiter winkte, wir sollen einfahren. Kurz vor der Einfahrt in die Schleuse eine schwarze Rauchwolke aus dem Schubverband... dieser stoppte sein Schiff erst jetzt auf. Uns kamen Strudel wie in einem riesigem Whirlpool entgegen. Ich musste das Tempo beschleunigen, um dem Strom entgegenzuhalten. Ansonsten hätten wir uns gnadenlos in der Schleuse
gedreht. Es war sehr knapp, wir wurden etwas zurückgespült, an die Wand gedrückt und erreichten schließlich den Schwimmpoller. Dank der zahlreichen Autoreifen, die wir als Fender mitführen, ist nichts passiert. Was war das ? Waren wir bei unserer letzten Schleusung zu unvorsichtig? Die Schleusung dauerte dann eine Stunde! Inzwischen war es dunkel geworden. Das Schleusentor öffnete sich dahinter beginnt ein neues Kapitel unserer
Reise!
Millionen von Lichtern, dahinter liegt irgendwo das Meer. Unmöglich können wir diesen Hafen in der Nacht verlassen. Wo können wir bleiben? Carsten funkte die Capitania von Constanta an. Dieser sprach englisch und wies uns eine Pier zu. Nur wo soll dieser sein? Er beschrieb den Weg und lotste den letzten Kilometer mit seinem Autoscheinwerfer. Was für ein Glück.
Wir machten an einer Kaimauer fest, die eigentlich für Ozeanriesen gebaut wurde. Es erforderte schon einige Kletterkünste, um auf die Pier zu gelangen. Wir wurden sehr nett und verständnisvoll empfangen. Der Hafenkapitän meinte ebenfalls, dass wir den Hafen unmöglich in der Dunkelheit verlassen könnten. Außerdem zeigte er sich behilflich, bei der Suche nach einem geeigneten Platz zum Mast stellen. Er wollte nur kurz unsere Papiere sehen, telefonierte und kehrte nach einer Stunde zurück. Er bestätigte unser eigentliches Vorhaben nach Eforie Nord zu fahren. Dort sollte es einen kleinen netten Yachthafen mit Kran geben. Da dieser recht neu ist, ist er auch auf keiner Karte versehen. Wir hatten den Tipp bereits von Susan und Wally aus Holland erhalten. Wir wurden dort für den nächsten Tag angemeldet. Nach einer längeren Unterhaltung wünschte er uns eine gute Nacht und bat uns an, wenn wir Probleme bekommen sollten, ihn über Funk zu informieren. Er hieß übrigens
Costas.
Den Abend verbrachten wir an Deck zwischen lauter Ozeanriesen. Direkt neben uns lagen drei riesige Überseeschiffe aus Malta. Die Situation kam uns etwas surreal vor. Wir schliefen gut.
Am nächsten Morgen verspürte ich eine innere Unruhe. Ich war aufgeregter als vor meiner Führerscheinprüfung, dem Abitur, den Staatsexamen und der Diplomprüfung zusammen. In solchen Situationen ist es für mich besser, dass ich mich der Situation stelle und nicht lange vor mit herschiebe. Aber vor was war ich so aufgeregt ? Da draußen lag das Meer. Und in diesem Fall ein richtiges Meer.
Bisher haben wir nur Erfahrungen auf der Ostsee gesammelt. Man könnte sie im Vergleich dazu auch als Badewanne bezeichnen. Das Schwarze Meer soll sehr unberechenbar sein. Innerhalb von kürzester Zeit kann sich das Wetter und der Seegang ändern. Mir ist etwas unwohl, da ich noch keinen Blick auf das Meer werfen konnte.
Wir machten uns auf den Weg die riesengroße Hafenanlage von Constanta zu verlassen. Allein für den Hafen gibt es eine eigene große Karte. Wir fuhren vorbei an Schiffen aus Panama und anderen Ländern, die mit unzähligen Containern beladen wurden. Ich stellte mir vor, wie sie im Seegang einige dieser Container verlieren, so hoch wurden sie beladen. Nach einer halben Stunde Fahrt passierten wir die Hafeneinfahrt. Vor uns lag das Meer, keine Uferbegrenzung nach vorne, nach rechts oder nach links. So weit das Auge reicht Wasser! Es glitzerte uns friedlich entgegen. Wir wurden etwas hin und her geschaukelt. Eforie Nord liegt jedoch nur 5 sm entfernt.
Ein netter Yachthafen an einem typischen rumänischen Badeort erwartete uns. Hier können wir sämtliche Annehmlichkeiten nutzen, auf die wir oft verzichten mussten. Der Mast wurde mit Hilfe der Hafenmitarbeiter auf Böcke gelegt und noch am selben Tag die Verstagung von Carsten vorbereitet. Das dauerte so seine Zeit und wollte gut überlegt sein. Wir hörten vom Schiff aus die Brandung.
Leider wurden wir am Morgen mit Regen geweckt. Zum Nachmittag kam die Sonne, ein Spaziergang am Strand! Die gewaltige Brandung war vom Strand aus sehr faszinierend... doch mit dem Schiff in diesen Wellen? Mir war etwas komisch zu Mute. Für das Stellen des Mastes war es nun zu spät. Außerdem drückte eine Welle in den Hafen, die das Wasser sehr unruhig machte... es wäre eine wackelige Angelegenheit geworden... Wir verschieben die Aktion „Mast“ auf den nächsten Tag.
Mit vielen helfenden Händen wurde unser Mast gestellt. Die Methode war etwas eigenwillig und Carsten schwitzte ordentlich, da er sich gegen die lautstark diskutierenden Helfer durchsetzten musste. Gegen Mittag war es dann vollbracht. Unsere ALEGRIA ist wieder ein richtiges Segelboot. Der Feintrimm und Segel aufziehen am Nachmittag, Zeit für einen Plausch an Bord eines rumänischen Seglers mit Wodka. Dieser warnte uns vor dem Schwarzen Meer und sagte uns, dass wir zur Zeit gutes Wetter hätten und dass sich dies zu dieser Jahreszeit schnell ändern könnte. Dieses sollten wir unbedingt ausnutzen.
Er gab uns auch den Rat über Nacht zu fahren, um möglichst schnell den Bosporus zu erreichen. Dahinter wird „alles gut“. Etwas unsicher verließen wir sein Schiff und tagten zusammen an Bord, wie unsere Reise weitergehen sollte. Ich kann nicht erklären woher ich diesen Mut nahm... er war einfach da und es war für mich ganz klar, dass ich innerhalb von kurzer Zeit in ein ruhigeres Segelrevier fahren wollte. Ich habe noch von keinem Segler im Schwarzen Meer gelesen, der nicht in einen Sturm geraten ist. Dieses Erlebnis möchte ich nicht haben, wenn es sich verhindern lässt. Das Schwarze Meer hat keine vorgelagerten Inseln, hinter denen man sich verstecken kann, es gibt nur sehr wenige Häfen und die Formalitäten in Bulgarien sind sehr streng. Das heißt, dass man nicht einfach jeden Hafen anlaufen kann. Wir haben sogar von Leuten gehört, die aus einem Hafen im Sturm wieder hinausgeschickt wurden. Wally und Susan aus Holland berichteten uns später Ähnliches.
Wir fassten den Entschluss, den nächsten Tag Eforie Nord zu verlassen und über Nacht bis nach Igneada (Türkei) zu fahren. 145 Seemeilen (1 sm = 1,852 km ... jetzt kannst du selber umrechnen) lagen vor uns. Dazu eine Nacht voller Ungewissheiten.