Gibt es etwas Schöneres, als eine Insel zu entdecken ? Ja ! Mehrere Inseln …

Die Insel Syros ist unser nächstes Ziel. Verschlafen schält sie sich schon von weiter Entfernung aus dem Dunst. Nach einer perfekten Überfahrt erreichen wir den Hauptort Ermoupolis. Eine Stadt, geheimnisvoll anders als all die anderen weißen verschachtelten Puppenstuben der Kykladen.
Stolz stehen herrschaftliche Villen aneinander gereiht und wachsen zwei Hügel hinauf. Dazwischen nicht wie sonst kleine Kapellen sondern große prächtige Kirchen. Kolossale Plätze mit Palmen drauf und mitten drin im Häusermeer das Rathaus. Ein klassizistischer Tempel, den man in Athen erwarten würde, aber doch nicht hier, auf Syros, dem kleinen Punkt in der Ägäis. Wir machen im 2005 fertiggestellten Yachthafen in Ermoupolis fest.
Der Hafen war, bis auf ein paar Fischerboote und eine Hand voll Motor- und Segelyachten leer. Strom- und Wassersäulen sind mit TV-Anschluss vorhanden, jedoch nicht in Gebrauch. Die wunderschönen zahlreichen Laternen an den Stegen setzen bereits Rost an und das ein oder andere Laternenglas war bereits wieder zerbrochen. Ebenso waren die Festmacherringe im Begriff zu verrosten und die Stromsäulen waren vom Wetter gezeichnet. Verständnislos saßen wir in diesem „neuen“ Geisterhafen, der offensichtlich dazu verurteilt war, zu zerfallen. Auch hier wurde mit EU-Geldern begonnen, einen Hafen zu bauen. Nun fehlt ein Betreiber oder gar ein Investor. Wir verstehen nicht, wir die Uhren hier ticken. Auch keiner der gefragten Fischer oder Angler konnte uns diese Frage bisher beantworten. Es ist einfach so … (!?)
Wir zogen es somit vor, am nächsten Tag auf die andere Seite der Insel „umzuziehen“. Finikas, ein kleiner Ferienort, hat einen gemütlichen Hafen und bietet Strom- und Wasserversorgung. Von dort fuhren wir erneut für einen Tag nach Ermoupolis, die Hauptstadt der Kykladen. Die urbane Pracht, die die Stadt von Weitem ausstrahlt, hat beim genaueren Hinsehen etwas melancholisches, wie so oft bei Menschen und Orten, deren ruhmreiche Tage schon ein paar Monde zurück liegen.
Ermoupolis war einmal wirtschaftlicher Mittelpunkt Griechenlands. Mehr als hundert Unternehmen wirtschafteten erfolgreich auf der kleinen Insel. Mitte des 19.Jahrhunderts sollen 70 Prozent des gesamten griechischen Geldverkehrs durch Ermoupolis gelaufen sein. Heute kann man die Zeugen des vergangenen Wohlstands noch sehen. Riesige verfallene Ziegel- und Natursteinfabrikgebäude, imposante Herrenhäuser, an denen windschiefe Balkone mit verschnörkelten Geländern hängen, die malerisch vor sich hin rosten.

Aber ebenso restaurierte Häuser, lebendige Einkaufsgassen und moderne Bars und Cafés, die mit den Szenelokalen in Hamburg vergleichbar sind. Sehr beeindruckend wirkte außerdem das Rathaus mit seiner enormen Marmortreppe. Es ist noch immer das größte Rathaus Griechenlands. Der Baumeister (Ernst Ziller) kam übrigens aus München. Syros braucht sich nicht zu verstecken und erwacht vielleicht so langsam wieder aus seinem Dornröschenschlaf.

Fasziniert von dieser Andersartigkeit einer Kykladenstadt fuhren wir wieder zurück nach Finikas und verbrachten den Abend mit einer sehr netten schwedischen Männercrew, die uns zu sich an Bord einluden. Nach einem Hafentag, den wir mit kleineren Reparaturen und Boots- und Körperpflege verbrachten, ging es am nächsten Vormittag auf die karge Insel Kithnos. Erneut hatten wir, Poseidon sei Dank, einen guten Segeltag. Nur auf den letzten zehn Seemeilen nahm der Wind zu und dementsprechend wurden die Wellen auch beträchtlich höher.
Einmal mehr fasziniert uns das Licht in den Kykladen. Es ist unbeschreiblich scharf und mild zugleich. Jede Einzelheit ragt mit haarscharfer Genauigkeit hervor. Jede Kontur erscheint schon von Weitem im Kontrast des leuchtend blauen Himmels.
Wir kamen in dem kleinen Hafen von Loutra, der nur mit wenigen Booten gefüllt war, an. Ein paar Tavernen, eine heiße Quelle, ein kleiner Strand. In den nächsten Tagen füllte sich der Hafen zu einem internationalen Treffpunkt auf. So gut wie kein Schiff verließ den Hafen, dafür kamen neue Segelschiffe, die vor dem Wind und den hohen Wellen der Ägäis Zuflucht suchten, hinzu. Crews aus der Schweiz, Frankreich, Deutschland, Finnland, Polen, Russland und der Türkei. Ein nettes Miteinander in dem kleinen Hafen.
Carsten hilft beim Anlegen der Charterboote und ich verteile Kamillentee an die seekranken Crewmitglieder. Man unterhält sich am Pier, lädt ein oder wird zu einem Glas Wein an Bord eingeladen. Eine Wanderung ins vier Kilometer entfernte Dorf (heißt hier immer (!)
„Chora“ - das Dorf) auf dem Berg, ein Bad in der heißen Quelle oder einfach nur eine Lesestunde im Windschatten der Molensteine. Der Kellner Manuel lädt uns nach unserem Naturbad in der heißen Quelle nachmittags zu einem „Wasserglas“ Ouzo ein.

Wie gute Bekannte unterhalten wir uns mit ihm den halben Nachmittag, er hat ja sonst nichts zu tun und wir auch nicht. So vergehen die Tage im starken Nordwind; während draußen die Wellen toben erleben wir einen sicheren Hafen mit vorbildhafter Seemannschaft unter den Seglern. Jeder fühlte sich offensichtlich wohl. Nach vier Tagen Miteinander war es dann endlich soweit; wir nahmen unkompliziert Abschied und fuhren in alle Richtungen auseinander.
Kithnos war unsere letzte Kykladen-Insel.
Nach 54 Tagen Segeln in der griechischen Inselwelt erreichen wir wieder Festland !