Willkommen im Paradies

Fethiye haben wir bei strahlendem Sonnenschein verlassen. Vorbei an einem Leuchtturm war unser nächstes Ziel, eine kleine Insel (Tersane) mit einer außerordentlich geschützten Ankerbucht. Zu der Bucht gibt es eine kleine Einfahrt, die nur nach Nord-Westen geöffnet ist. Somit waren wir zu fast allen Seiten wie in einer Lagune bestens geschützt und lagen sehr ruhig.

Uns erwartete ein kleiner Bauernhof... wohl eher eine türkische Familie mit unglaublich vielen Tieren. Im Sommer betreiben sie hier ein kleines bescheidenes Restaurant, welches man nur mit dem Beiboot erreicht. An den Kontrast zu Fethiye (das lebendige Treiben gegen die Stille) konnten wir uns sofort gewöhnen.
So wurden wir morgens von den Hähnen geweckt, die an Stelle des Imans gesungen haben. Es folgte ein Konzert der Schafe, der Esel und einer Kuh. Anschließend fing der Ziegenhirte an unglaublich schön und laut durch das Tal zu singen... bis wir schließlich nur noch die Glocken der Ziegen vernahmen. Ab und an sprangen Fische aus dem Wasser und veranstalteten Weitsprünge. Gegen Abend wurde es dann ganz still und nur noch die Grillen waren zu hören.
Vier Tage lagen wir dort vor Anker und haben unsere Zeit mit Lesen und Faulenzen verbracht. Carsten spielte/segelte zudem gerne mit seinem Beiboot. Wir saßen am Abend wieder bei Petroleumlampe und eine Waschschale und die Solardusche an Deck genügten. Nachts waren wir einmal mehr fasziniert von den funkelnden Sternen. Wir meinten sogar das Kreuz des Südens zu sehen, waren uns aber nicht ganz sicher, ob wir es auf diesen Breitengraden sehen können. Es zeigt auf der südlichen Halbkugel mit einer Sternenkonstellation den Süden an, wie auf der nördlichen Halbkugel der Nordpolarstern. Wir vermissten Nichts an diesem wunderbaren Ort. Die Einsamkeit in der Natur tat unserer Seele gut.

So starteten wir auch Carstens 40. Geburtstag in dieser Bucht. Wir nahmen am Morgen ein Bad, welches jedoch sehr kurz ausfiel, da das Wasser doch recht kalt war, um länger darin zu bleiben. Ein fürstliches Frühstück an Deck und dann ging es gegen 12.00 Uhr weiter in eine weitere Bucht, in der wir uns mit unseren holländischen Freunden treffen wollten.

In Kapi angekommen, wurden wir sofort von Mehmet und seiner Familie herzlich begrüßt. Die gesamte Familie kam und setzte sich direkt neben uns auf den sympathisch windschiefen Steg. Am liebsten wären sie bestimmt alle auf die Alegria gestiegen. Wir boten ihnen Feigen und Aprikosen an.
Wir erfuhren viel von ihnen und sie fragten uns ebenfalls viel. Mehmet sprach einigermaßen gut englisch und ein wenig deutsch. Dies hat er gelernt, da er im Sommer mit seiner Familie täglich 20 – 40 Boote in seiner Restauranthütte bewirtet ! Kaum vorstellbar bei dieser kleinen idyllischen Bucht. Nach ca. einer Stunde verschwanden sie alle und sagten, dass wir später zusammen Tee trinken.
Langsam versank die Sonne hinter den Bergen und hinterließ einen leuchtend orangefarbenen Himmel… wir machten uns bereits einige Gedanken, wo Susan und Wally blieben. Kurze Zeit später hupten sie am Eingang der Bucht. Wir gingen nach herzlicher Begrüßung sofort zu unserer Einladung zum Tee, da sie erneut ausgesprochen wurde. Dort angekommen wurde ein Tisch hinzugestellt und jeder von uns bekam wie selbstverständlich einen Löffel hingelegt. Wir aßen gemeinsam mit allen aus den in der Mitte stehenden Schalen. Dabei ging es sehr lustig und lebendig zu. Wir fühlten uns sofort sehr wohl... ein besonderes Geburtstagsdinner.
Es folgte der obligatorische Tee und Mengen von den beliebten gesalzenen Sonnenblumenkernen, die sehr geschickt aus ihrer Hülle gelöst werden müssen. Das war unser erster Versuch. Man zeigte es uns ganz genau. Viele Türken haben die Sonnenblumenkerne in ihren Taschen und knacken sie geschickt mit Zähnen und Zunge, wo sie gehen und stehen... so liegen demnach auch sehr oft die Spelzen herum. Auch wir sollten die Spelzen einfach fallen lassen. Am nächsten Tag würden sie weggefegt werden.
Schließlich gab Ismael bekannt, dass er sein Netz noch einholen müsse. Gute Idee, um endlich zu sehen, wie das geht. Gegen 21.00 Uhr machte sich Carsten auf den Weg, um mit Ismael, Mehmet und Iksan das Netz einzuholen. Das Fischerboot sah abenteuerlich aus. Carsten meinte, dass unser Maschinenraum dagegen purer Luxus wäre…und das ist er wirklich nicht !
Nach einiger Zeit kamen sie zurück, laut rufend „balik yok“ („keinen Fisch“). Etwas enttäuscht waren alle, da dies das Mittagessen für den nächsten Tag werden sollte. Ismael wollte es aber am nächsten Tag noch einmal versuchen.
Am Morgen (10.00 Uhr) waren alle wieder versammelt und stiegen auf die Uiver von Susan und Wally. Jetzt musste ich unsere Teegläser ebenfalls holen, da sie sonst nicht reichten. Es war ein kleiner herzlicher Überfall von allen. Ismael hatte am Morgen drei große Makrelen in seinem Netz gehabt. Somit brauchten wir uns um unser Mittagessen keine Gedanken mehr zu machen… wir waren eingeladen. Der Fisch schmeckte ganz frisch gegrillt hervorragend gut. Zum Nachtisch gab es neben Cay, Maronen aus der Glut vom Feuer.
Den Nachmittag verbrachten wir mit einer kleinen Wanderung in die Umgebung, die uns an jeder neuen Kurve dieses kleine Paradies bewusst werden ließ. Wir waren gefangen vom Zauber dieser unberührten Landschaft und ehrfürchtig betrachteten wir diese makellose Natur…
Der Morgen versprach eigentlich ganz schön zu werden und der angekündigte Wind ließ noch auf sich warten. Gegen 10.00 Uhr nahm er jedoch zu, bis er schließlich so stark war, dass mir etwas unheimlich wurde. Ich hatte bedenken, dass der Steg das Ziehen und Zurren der Schiffe nicht aushielt. Insbesondere die Uiver wurde mit ihrem gesamten Gewicht (30 t) gegen den Steg gedrückt, dass es manches Mal knackte. Die Alegria wurde in einigen Böen so schief gelegt, dass es im Boot die Obstschale und die Blumen vom Tisch warf. Wir beschlossen, die Alegria in den Wind zu legen, das bedeutet, dass wir nicht mehr längsseits zum Steg lagen, sondern mit dem Bug zum Steg und das Heck mit einem Anker befestigt. Mit vereinten Kräften und einiger Überlegung wurde die Alegria gedreht. Mit dem Beiboot wurde der Anker ausgebracht… auch dies war ein eigenes Abenteuer, da der Wind so heftig war, dass das Beiboot nicht so einfach zu rudern war.
Mit vier Vorleinen war die Alegria am Steg befestigt… ich traute dem Steg noch immer nicht. Wir nahmen noch eine Muringleine von der gegenüberliegenden Seite. Falls der Steg brechen sollte, so würden wir zumindest noch daran hängen. Immerhin eine kleine Beruhigung.
Jetzt hüpfte die Alegria munter in den Wellen, die direkt in die sonst so geschützte Bucht rein standen. Das Beiboot von Susan und Wally flog regelrecht durch die Luft und legte sich abwechselnd umgekehrt auf´s Wasser und zurück. Carsten half Ismael beim Befestigen seines kleinen Bootes. Beim Ziehen wurde Carsten von einer Böe erfasst dass sie ihn vom Steg pustete, weil er sein Gewicht nach vorne verlagerte. Was für ein Sprung… ich habe ihn schon im Wasser gesehen. Doch er sprang auf das vor ihm liegende kleine Boot. Gute Entscheidung, das Wasser wäre sehr ungemütlich gewesen.
Für meine Nerven war das alles nichts. Ich wollte die Anderen mit meinen Gedanken nicht auch noch verrückt machen… ich stellte mir noch immer vor, wie unter der Uiver der Steg zusammenbrach. Inzwischen hatten wir in Böen 9 Bf !
Ich nahm meine Wanderschuhe und machte mich auf den Weg auf die andere windgeschützte Seite. Dort kam ich etwas zur Ruhe. Auf dem Rückweg begegnete mit ein alter Mann, Ramasan und Ismael. Ismael begrüßte mich ganz freudig und erzählte mir, dass der Vater von Ramasan alle zwei Tage zur Dialyse müsste. Heute ist es unmöglich aus der Bucht auszulaufen. Sie haben es gerade mit dem Fischerboot versucht. Er fragte mich, wie es mir ginge. Ich erzählte ihm, dass es mir nicht besonders gut ginge… dass ich mir Sorgen mache. Wie selbstverständlich ließ er die anderen weiterziehen und gab mir zu verstehen, dass wir uns setzen sollten… an den Wegesrand. Dort unterhielten wir uns weiter. Nach einiger Zeit fragte er mich, ob ich mit zu seinem Haus kommen wollte…
An seinem Haus angekommen, begrüßte mich sogleich Mehmet mit seiner Frau Seynep und Tochter Eda, Ismaels Frau Nihar und Tochter Ebru. Neu kennen gelernt habe ich ihre Mutter Fatma, die in einem Steinhaus wohnt und vor einem offenem Feuer im Haus in einem großen Kessel eine süße Grütze kochte. Hierfür knackte sie gerade Walnüsse, die durch das ganze Zimmer flogen. Mir wurde ein Platz auf dem Fußboden angeboten… Möbel sucht man in diesen Häusern vergebens. Sofort wurde Tee angesetzt.
Die anderen beiden Familien wohnen im Haus gegenüber, welches aus Blech besteht. Jede Familie hat einen großen Raum. Kein fließend Wasser, keine Toilette im Haus.
Mehmet erzählte mir, dass das Wasser knapp wird. Der Brunnen, der normalerweise in den Wintermonaten durch den Regen gefüllt werden sollte, ist leer. Bis zu dem Zeitpunkt habe ich mich über den wenigen Regen auf unserer Reise gefreut. Jetzt sehe ich es auch mit anderen Augen. Diese Menschen sind dringend auf den Regen angewiesen.
Die Flucht vor dem Wind tat mir gut, brachte mich auf andere Gedanken, so dass ich nach zwei Stunden zurück ging.
Am Schiff angekommen, wollte ich gerade beginnen, meine Erlebnisse den Anderen zu erzählen, als wir Mehmet und Ramasan auf dem Steg sahen. Zuerst dachte ich, dass sie nur nachsehen wollten, ob alles in Ordnung ist. Es schien aber ein ernsteres Problem zu sein. Ramasan fragte nach, ob es möglich wäre seinen Vater in die 4 sm entfernte Bucht zu fahren. Er könnte von dort mit seinem Vater in ein Auto steigen, um den Dialysetermin am nächsten Morgen um 6.30 Uhr in Dalaman wahrzunehmen. Schweigen ging durch die Runde. Gedanken wie… bringen wir uns damit nicht alle in Gefahr ? Doch dann wurde übereinstimmend genickt… wir wollen es versuchen. Carsten und Wally machten sich mit der Uiver auf den Weg zusammen mit Ramasan, seinem Vater und Mehmet. Das Schwierigste war wohl das Ablegen vom Steg, da der Wind die Uiver immer wieder zurückdrückte. Nach gut einer Stunde waren sie ohne Ramasan und seinem Vater zurück. Es war bereits dunkel.. doch der Mond erhellte den Steg.
Nach drei Ankermanövern lag die Uiver mit zwei Muringleinen und Anker sicher mit dem Heck zum Steg fest. Operation erfolgreich ausgeführt… keinen Schaden zu vermelden und, für mich wichtig, die Uiver lag nicht mehr längsseits am Steg und drückte auch nicht mehr mit voller Kraft dagegen.
Nach einem wohltuenden Thaiessen auf der Uiver, waren alle ziemlich erschöpft. Carsten und ich gingen zu unserer in den Wellen tanzenden Alegria. Wir mussten einen passenden Moment abpassen, um über den Vorsteven auf das Schiff zu balancieren. Es schaukelte und ruckelte, zurrte und brauste. Um uns herum weiße Schaumkronen.
Wir lagen noch lange wach, bis wir vor Erschöpfung eng umschlungen eingeschlafen waren. Der Wind hat uns mal wieder fertig gemacht. So sehr ich ihn manches Mal willkommen heiße, so sehr ist er auch gehasst von mir.
Hier erleben wir die Natur vollständig und unverfälscht.
Durch den Gegensatz, konnten wir die Stille am nächsten Tag in der Bucht noch mehr genießen. Der Wind hat sich gegen Morgen beruhigt.

Zwei Jungen zeigten uns, wie man nur mit einer Angelschnur und einem Haken fischen kann, wir hatten gesellige Abende mit den Familien in der Bucht. So spielten 8 Personen Karten. Nur 4 Personen konnten wirklich spielen, die anderen mussten warten, bis einer rausflog. War das ein Spaß… jeder war so in sein Spiel versunken, dass er alles um sich herum vergaß.
Für Carsten war es nicht immer klar, ob die Leute hinter ihm, ihn beraten oder nur seinen Stuhl haben wollten. Eine zweite Runde wäre nicht in Frage gekommen… sie wollten alle zusammen spielen. Eine Tüte Sonneblumenkerne wurde auf dem Tisch verteilt, so dass sich jeder bedienen konnte. Manchmal war es so ruhig, dass man nur das Knacken der Kerne und das Knistern des Feuers hörte, bis es schließlich wieder in einer Lachsalve endete.

Carsten half am nächsten Tag Steine aus einer Bucht zu holen, um eine Bar zu bauen. Ganz schön harte Arbeit. Was immer die Menschen jedoch taten, es geschah ohne Hast. Sie gehen sehr gemächlich durch´s Leben. Mehr Arbeit, um einen höheren Lebensstandart zu erreichen, kommt für sie nicht in Frage. Sie arbeiten hart, doch immer mit einem Lächeln und dem Blick für den Anderen…
Wir fuhren mit der Uiver und irgendeinem Teil der großen Familie nach Göcek, um für den Grillabend am Feuer etwas einzukaufen… Diverse Dinge sollten dann natürlich auch gleich für die Familien mitgebracht werden. Normalerweise benutzen sie hierfür ihr kleines Fischerboot als Versorgungsboot… Dann kann es auch mal vorkommen, dass sich zwei Truthähne im Boot befinden.
Kurz vor unserer Abfahrt wurde noch ein weiteres Fischerboot ins Wasser gelassen. Mit vereinten Kräften ging es um das Boot wie in einem Taubenschlag zu. Da wurde geredet und gezogen, geschoben und gewackelt… bis es plötzlich ins Wasser rutscht.
Wir hatten in Kapi sehr schöne Tage mit vielen netten Menschen in einer unglaublich schönen Umgebung. Jetzt ist uns wieder nach „allein sein“. Wir werden diesen schönen Ort mit Sicherheit noch einmal aufsuchen. Kein Ort ist vollkommen, wir haben ihn als Paradies erlebt, aber ebenso flößte er uns Angst ein und schien nicht sicher. Wir haben das einfache Leben der Menschen dort bewundert, aber dennoch ist uns nach einiger Zeit nach warmer Dusche und Strom. Wir haben dies alles paradiesisch empfunden, ein tolles Erlebnis, diese Bedürfnislosigkeit zu erleben. Esel statt Auto, Natur statt Beton, Feuer statt Zentralheizung, Brunnen statt fließend Wasser,…
Warum gibt uns dies Ruhe und Frieden ? Warum wollen wir dennoch nicht bleiben ? Wir pendeln zwischen Welten…