Grenzerfahrung

Nun sind wir bereits drei Monate in der Türkei – Einreisestempel 04.10.2006 Istanbul. Nach drei Monaten, genau genommen nach 90 Tagen, ist es für uns Deutsche laut Gesetz notwendig, unsere Aufenthaltsberechtigung zu verlängern. Diese Information hatten wir uns u.a. auch vom türkischen Konsulat in Hamburg geholt. Da wir wussten, dass unser Aufenthalt wohl länger als drei Monte dauern würde, wollten wir seinerzeit ursprünglich ein Visa beantragen; den Antragsvordruck hatte Carsten sich schon aus dem Internet geholt. Um diesbezügliche Fragen zu klären, hat er dann beim türkischen Konsulat in Hamburg angerufen. Dort hieß es dann, dass wir gar kein Visa bräuchten, es würde ausreichen, zur örtlichen Passstelle unseres Aufenthaltsortes zu gehen, um alles zu erledigen. Also haben wir kein extra Visa beantragt – die müss(t)en es ja schließlich genau wissen. Pflichtbewusst taten wir dies hier in Fethiye einen Tag vor Ablauf unserer Frist. An diesem Tag war nur leider die Stelle geschlossen. Man versicherte uns, dass am nächsten Tag wieder alles geöffnet haben sollte. Es war ein unglaublich verregneter Tag, den wir faul mit Lesen und Spielen verbrachten. 

Am nächsten Tag waren dann tatsächlich alle Personen, die eine „Stempelherrschaft“ besaßen hinter ihrem Tresen versammelt und waren allesamt unglaublich beschäftigt. Nach einiger Zeit konnten wir unser Anliegen vorbringen. So einfach, wie wir dachten, sollten wir unseren „Verlängerungs“-Stempel jedoch nicht bekommen. Man sagte uns, es sei zwingend notwendig, aus der Türkei auszureisen !! Und das noch am selben Tag (es war der 04.01.2007 – genau drei Monate nach Einreise)!!! Eine „einfache“ Verlängerung per neuem Stempel, das ginge nicht. Ein Visum könnten wir beantragen, aber das dauerte etwa sechs Wochen !!??!! Solange wollten wir nun gar nicht mehr in Fethiye bleiben. Einzige Möglichkeit: Wir müssen nach Griechenland, um mit einem neuen Stempel wieder einzureisen, um erneut drei weitere Monate bleiben zu dürfen. Jeder Tag, den wir unerlaubt in der Türkei verbringen, würde Geld/Strafe kosten. Wir verwiesen auf die Informationen, die wir aus Hamburg hatten ... die seien nicht korrekt, sagte man uns. Wir machten unserem Ärger noch ein bisschen Luft, doch es half alles nichts... und die Beamten hier, können ja nichts für die falsche Auskunft. 
Was tun ?

Es war inzwischen 12.00 Uhr. Es gab drei Möglichkeiten für uns, aus dem Land auszureisen. Zum einen mit unserer ALEGRIA nach Rhodos oder Kastellorizon. Das waren jedoch beides Entfernungen, die für eine Tagesetappe zu weit waren. Zum anderen könnten wir mit einer Fähre zu den Inseln übersetzten. Für Rhodos hätten wir mit dem Bus zurück nach Marmaris gemusst – zu weit bzw. bereits zu spät. Nach Kastellorizon müssten wir ins 90 km entfernte Kas fahren. Von dort sollte es eine Fähre zu der Insel geben. Diese Idee bekamen wir von einem Engländer. Jetzt mussten wir nur noch herausfinden, wann ein Bus fährt und wann die Fähre. Der Bus sollte kein Problem sein, das ist es in der Türkei in keinem Ort. Das Problem war die Fähre, die in der absoluten Nachsaison nur drei Mal die Woche fährt. Die Fähre sollte erst am nächsten Tag fahren. Und es war dafür eine Reservierung notwendig. Über das Telefon fragten wir uns herum, bis wir schließlich eine Reservierung für den nächsten Tag hatten. Die Überfahrt auf die nur 1sm vom Festland entfernte griechische Insel sollte umgerechnet pro Person 25,- € kosten. Das kam uns etwas komisch - weil ganz schön teuer - vor, doch waren wir ja schließlich auf diese Fähre angewiesen. 

Droht nun Gefängnis?Am darauffolgenden Tag machten wir uns also bereits vor Sonnenaufgang auf den Weg zum Bus, der uns nach Kas bringen sollte. Sonst drehen wir uns immer noch einmal um, wenn der Muezzin das erste Mal aus der Moschee ruft. Heute sind wir bereits wach (aber noch müde) und den ersten Hahnenschrei hören wir auch erst, als wir schon auf dem Weg zum Bus sind. Zu diesem Zeitpunkt reisten wir bereits „illegal“ in der Türkei. Wir hofften darauf, dass alle für einen Tag ein Auge zudrücken. 
Etwas spannend wurde es auf der Fahrt noch einmal, als ein Hinterreifen platzte. Zum Glück hatte der Bus hinten Zwillingsreifen und wir konnten bis zum nächsten Ort weiterfahren. Dort wurde dann bei laufendem Motor ein Reifenwechsel „à la Formel 1“ durchgeführt. Es hätte ja auch sein können, dass wir dadurch die Fähre nicht mehr erreicht hätten... aber es dauerte jedoch nur 10 Minuten. Alle Achtung... in Deutschland hätten sie bestimmt gleich einen Ersatzbus bestellt...!?

Passkontrolle in KasIn Kas angekommen gingen wir zum Hafen. Dort wurden uns sofort unsere Pässe abgenommen und zu anderen Pässen gelegt. Wir waren also nicht die Einzigen, die die Fähre brauchten, um an einen neuen Stempel zu kommen. 
Bei Tee und guter Laune wurden die Passangelegenheiten gleich am Kai geregelt – scheinbar. Mit einem Lächeln wurde sogar unsere „Überziehung“ bemerkt. 

Transport unserer Reisepässe Die Pässe verschwanden dann in einem Korb auf einem Motorroller und wurden zur Grenzpolizei gebracht. Schade, wir dachten, dass es damit geregelt war. Nur kurze Zeit später erfuhren wir, dass wir für die Überziehung Strafe bezahlen müssten. 500 türkische Lira ! Für einen Tag !! Das sind umgerechnet rund 280 Euro. Wir erfuhren dann noch, dass es egal sei, ob wir einen Tag oder 30 Tage „überzogen“ hätten; die Strafe wäre die gleiche. Uns blieb nichts anderes übrig, als das Geld aus einem Bankautomaten zu ziehen. Carsten wurde mit einem Motorroller gefahren. 

Kurze Zeit später saßen wir auf einem Gulet... unserer „Fähre“. Man verdient sich hier, dank der vorgelagerten griechischen Insel also etwas Geld dazu mit dem „Aus-Einreise-Transfer“ ; eine echte Fähre gibt es wohl, aber ... natürlich, nur in der Saison. Selbstverständlich war das „Fährgeld“ viel zu teuer... doch waren alle Mitreisenden auf diesen Dienst angewiesen. Somit machten wir einen netten Ausflug mit drei Engländern, einem Griechen und zwei Deutschen. Glücklicherweise hatten wir uns für diese „Sightseeing-Tour“ einen schönen, sonnigen Tag „ausgesucht“. 

Wir versuchten, die uns schmerzende Geldstrafe zu vergessen, um wenigstens den Tag noch zu genießen. Dies gelang uns hervorragend. In vierzig Minuten erreichten wir Griechenland... und es war tatsächlich so, wie man sich Griechenland vorstellt. Plötzlich gab es keine türkische Musik, sondern die typische griechische Musik war aus den urgemütlichen Tavernen zu hören. 
Carpe Diem Die einfachen Holzstühle wurden direkt am Hafenkai nur für uns aufgebaut. Die Häuser waren weiß getüncht, Kirchen waren in großer Zahl zu sehen.. einträchtig stehend neben einer Moschee ! Hier bekamen wir sogar noch etwas vom Weihnachtsfest mit, dass in der griechisch-orthodoxen Kirche erst am 6. Januar gefeiert wird, also morgen. Der Kirchhof war festlich geschmückt und neben der Krippe vom Jesuskind hat es sich eine Katze im Stroh bequem gemacht. 

Taverne am Hafen Kirchhof Katze im Stall Katzen Katzen

Modellbauinsel oder WirklichkeitVon der Burg hatten wir einen schönen Blick auf das Meer und den Hafen. Es hatte etwas von einer Modellbaustadt, die für Touristen errichtet wurde, um ihnen „Griechenland“ zu zeigen. In den engen Gassen waren keine Menschen... nur Katzen, Katzen, Katzen ! Unten am Hafen saßen vereinzelt ein paar Menschen vor ihren Häusern. Wir verbrachten zwei Stunden auf der Insel und bekamen einen sehr schönen, einladenden Vorgeschmack auf Griechenland, wenn Griechenland überall so ist wie hier...(!?) 

Wieder zurück in Kas - in der Türkei ! - bekamen wir nach etwa einer halben Stunde unsere Pässe im Teegarten (!) überreicht, ähnlich wie Urkunden nach einer bestandenen Prüfung J. Wir hatten unseren neuen Stempel... dürfen jetzt also bis zum 5.April 2007 (oder müssen wir doch genau 90 Tage rechnen...?!) wieder in der Türkei bleiben. Unsere Pässen tragen neben dem Ausreisestempel eine handschriftliche Nummer – der Verweis auf den Beleg unserer bezahlten Strafe. Alles muss ja seine Ordnung haben...

Die Rückfahrt verlief zunächst entlang der Küste, bis sie schließlich über die Berge zurück nach Fethiye führte ... und dann... Straßensperre ... unser Bus wurde unterwegs doch tatsächlich noch angehalten. Passkontrolle !!! Mit Maschinengewehr gingen zwei Polizisten durch die Busreihen. Na ja, jetzt hatten wir mit unseren frischen und teuren Stempeln ja nichts mehr zu befürchten. Alles verlief dann auch ohne große Aufregung; die türkischen Mitreisenden scheinen das wohl zu kennen. Ihre Ausweise wurden eingesammelt, geprüft und dann schließlich wieder ausgehändigt. ...und unsere Pässe ... die wollten sie nicht ... nicht einmal reingeschaut haben sie ...

Tja, so haben wir also ganz neue „Grenzerfahrungen“ machen dürfen-müssen. 
Aber solche Erfahrungen sind heilsam, leider manchmal auch teuer... aber wir lernen daraus:
Erstens: traue nie den (fern)mündlichen Aussagen irgendwelcher Behörden(personen) oder lass sie dir schriftlich geben!
Zweitens: frage lieber an Ort und Stelle noch einmal – rechtzeitig – nach !
Drittens: Behörden kennen kein Erbarmen ! Sind die Menschen dort auch noch so nett, Vorschrift bleibt Vorschrift !

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