Vom Paradies in die Hölle
Es war ein sonniger Montag in Istanbul und Zeit weiter zu fahren. Der Wind hatte für unseren Kurs nicht die richtige Richtung. So beschlossenen wir eine Kursänderung und wählten eine Insel (Imrali Adasi) auf Südkurs.
Eigentlich wollten wir über die Nordküste des Marmarameeres zu den Dardanellen fahren. Die Südküste ist jedoch die interessantere und so ging die Reise Richtung Süden. Wunderschönes Wetter, guter Wind aus West, ALEGRIA zog mit 6 Knoten durch das Wasser. Nach 4 Stunden kam die Insel in Sicht nach 5,5 Stunden lag sie direkt vor uns. Wir sahen ein größeres Boot aus dem auf unserer Karte eingezeichneten Hafen fahren. Es bewegte sich auf uns zu. Durch das Fernglas erkannten wir, dass es ein Militärschiff mit Bewaffnung war. Direkt neben uns sahen wir später, viele gestikulierende Männer in Uniform an Deck und durch ein Megaphon ertönte: „Prohibited Area, go cours 0-9-0°“ (verbotene Zone... wir sollen uns im 90°- Winkel von der Insel entfernen). Na klasse, keine schnuckelige Ankerbucht... stattdessen weitere drei Stunden Fahrt bis zum Festland. Carsten gestikulierte mit dem Funkgerät... wir bekamen den Kanal 16 genannt. Jetzt konnten wir uns besser unterhalten und es wirkte nicht ganz so formell. Es änderte aber nichts an der Situation, dass wir auf der Insel nicht bleiben durften. Wir bekamen noch eine gute Fahrt gewünscht und weiter ging`s... dabei hatte ich mich schon so auf den Ankerkaffee im Sonnenschein gefreut. Es dauerte noch einige Zeit, bis sie uns nicht mehr auf Sicht begleiteten. Wir wurden noch einmal angefunkt, um den Bootsnamen und den Heimathafen zu erfragen.... sicherlich für ihre Protokollbücher.
Für unsere Weiterfahrt wurden wir mit der Begleitung von zahlreichen Delfinen belohnt... Der Wind nahm in der letzten Stunde Fahrt noch einmal zu... in der Dämmerung erreichten wir die Hafeneinfahrt. Wir legten längsseits am Kai an... nach und nach kamen immer mehr Männer und wollten uns beim Anlegen behilflich sein. Zehn Männer auf und um das Boot... Carsten ruft: “Hey, was macht ihr mit meinem Schiff?“ Die Fischer diskutierten heftig, drehten das Schiff, zurrten und zogen... irgendwann hieß es „tamam“ (in Ordnung)... der Spuk war zu Ende. Die Männer verabschiedetem sich und verschwanden wieder in ihren Schiffen. Sie benutzten jegliche Leinen von uns... jeder wollte eine halten und ziehen... da wurde sogar unsere Großschot mitverbaut. Die Krönung des Abends war dann das Geschenk eines Fischers: eine riesige Einkaufstüte voller Garnelen! Es gab Spaghetti mit frischen Garnelen... alle schafften wir nicht.
Am nächsten Morgen wachten wir ausgeschlafen auf. Der Wind hatte eine gute Richtung, um nach Westen zu fahren. Die Windstärke erschreckte uns nicht viel (4 Bf). Eine leichte Brandung war an den Wellenbrechern zu hören. Wir beschlossen, mit verkleinertem Segel zu fahren. So wurden zwei Reffreihen eingebunden und die Fock (kleines Vorsegel) angeschlagen. Einige Fischer gaben uns beim Ablegen zu verstehen, dass es draußen windig war... ja, dass konnten wir sehen. Was die Warnung allerdings wirklich zu bedeuten hatte, sollten wir auf der folgenden Fahrt spüren. Zunächst war es guter Wind, die See für meinen Geschmack etwas zu ruppig... aber durchaus o.k. Nach zwei Stunden nahm der Wind stetig zu. Die Wellen wurden höher. Mir war äußerst übel. Die erste Welle kam über das Boot und gab uns zu verstehen, dass wir auf der weiteren Fahrt keine Freude am Segeln mehr verspüren sollten. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in meinem Leben jemals soviel Angst gehabt habe. Diese Angst lähmte mich, so dass ich schläfrig wurde und im Schiffsinneren ausharren musste, da es draußen für mich viel zu gefährlich war. Ich war unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. So musste Carsten alles allein bewältigen. Ich sah hinter ihm haushohe Wellen, teilweise war er darunter begraben, so dass ich meinen Kopf hob um nachzusehen, ob er noch an Bord war. Nicht auszudenken, wenn ihn eine Welle mitgenommen hätte.
Teilweise schrie er.. ich mit ihm. Fünf Stunden dauerte es! Ich möchte es nicht weiter ausdehnen und bin ganz und gar nicht stolz auf unser Erlebnis... es war dumm aus dem Hafen zu fahren... aber im Nachhinein ist man immer schlauer.
Auf der gesamten Strecke gab es nur einen Hafen, diesen konnten wir allerdings nicht anlaufen, da er nicht genug Tiefgang hatte. Wir wollten eigentlich zu einem Hafen, der weiter nördlich lag. Durch die starke Strömung und die enormen Wellen war es unmöglich den Kurs dorthin zu halten. Es blieb nur noch ein Hafen (Bandirma). Carsten sah irgendwann aus der Ferne, wenn wir uns gerade auf einem Wellenkamm befanden, eine Fähre. Er gab mir die Information, die auf mich so belebend wirkte, dass ich meine letzten Reserven zusammennahm. Ich ging nach draußen. Mit dem Fernglas bewaffnet suchte ich eine Mole oder eine Hafeneinfahrt... mit 7 kn näherten wir uns dem Hafen... das Vorsegel auf der falschen Seite... das Großsegel bereits einen Riss. Es war unmöglich die Segel zu bergen. Wir mussten in den Hafen segeln. Das war ganz schön knapp... für mich war nur wichtig, dass wir irgendwie den Hafen erreichen. Nach der Hafeneinfahrt nahmen die hohen Wellen sofort ab. Sie brachen gewaltig an der Hafenmole. Im Hafen herrschte noch immer ein gewaltiger Wind... auch hier war das Bergen des Segels nicht ganz einfach... gelang aber schließlich. Beim Anlegen waren uns wieder zahlreiche Fischer behilflich... sie boten uns sofort ihre weitere Hilfe an. Wir waren nur froh, dass wir unser Leben hatten und nahmen uns lange in den Arm. Dann wollte ich das schaukelnde Schiff verlassen, um festen Boden zu spüren... Carsten legte sich lang auf die ALEGRIA und umarmte sie... er hat mit ihr schließlich die gesamte Arbeit durch den Sturm überstanden.
Es dauerte einige Zeit, bis wir uns das Chaos im Boot ansehen konnten. Bis zu den Bodenbrettern war alles voll Wasser gelaufen. Kleidung und Polster nass! Carsten begann schließlich mit dem Aufräumen... über die nächsten Tage streckte es sich aus. Leider war es nicht sonnig, so das die Sachen sehr lange benötigten, um zu trocknen...
In Bandirma trafen wir auf Yenar und Gönül, die uns in diesen Tagen eine riesige Hilfe waren. Die Abende verbrachten wir mit ihnen. Sie luden uns zum Essen ein... einmal zu Hause. Tagsüber zeigte mir Gönül die Stadt, einen Bauernmarkt und wir besuchten eine Schule... hier hätte ich sofort zu arbeiten beginnen können... Carsten besorgte mit Yenar viele Dinge für das Schiff... das hätten wir ohne ihn nie gefunden! Es entstand eine freundschaftliche Beziehung... hoffentlich sehen wir sie einmal wieder! Die Wäsche brachten wir in eine Wäscherei und bekamen sie wohl duftend zurück.
Die Tage waren noch immer sehr windig. In der Nacht riss es uns zwei Klüsen für die Festmacherleinen ab... entsprechend unruhig schliefen wir. Erst die dritte Nacht war ruhiger... der Wind ließ nach. Manchmal machte er vorher eine Atempause... das schien allerdings nur so. Er holte Luft, um anschließend erbarmungslos weiter zu pusten. In jeder Pause lag die Hoffnung, dass es aufhört...
An unserem letzten Tag in Bandirma besserte sich das Wetter. Wir tranken mit Yenar und Gönül Kaffee auf der ALEGRIA. Sie wollten uns am liebsten in Bandirma behalten, luden uns zum Zuckerfest ein. Wir waren gespalten, wollten jedoch weiter. Es ist schwierig den Zeitpunkt des Weiterfahrens festzumachen, da es so viele schöne Plätze gibt.... und überall wird man willkommengeheißen.
Den Abend verbrachten wir allein. Wir beschlossen in einem netten Restaurant etwas zu essen. Das Essen stand gerade auf dem Tisch, da wackelte es unter unseren Füßen. Alle Menschen sprangen auf und rannten auf die Straße... wir hinterher. Ein Erdbeben! Wir erfuhren, dass in der Umgebung zahlreiche Minarette umkippten... verletzt wurde zum Glück niemand. Alles wirkte auf uns etwas unwirklich. Nachdem wir so viel zu verdauen hatten, kam auch noch dieses Erdbeben. Es wirkt auf uns etwas wie ein schlechter Traum. Wir aßen unser Essen auf der Straße. Alle waren sehr mitfühlend und entschuldigten sich fast. Wir waren einfach nur froh, dass nicht mehr passiert war. Vom Haus bekamen wir noch zwei dicke fette Tortenstücke vor die Nase gestellt... Hos geldiniz! (Herzlich willkommen!)