Die letzten Tage auf der Donau ...
Das Problem mit dem Wasser in der Bilge war mit der Fettpresse tatsächlich gelöst !
Unser nächster Hafen war Oltenita. Wir bekamen von Susan und Wally aus Holland einen Ponton empfohlen, der kostenlos und sicher sein sollte. Weiterhin gaben sie uns eine Kontaktadresse von Florien, der uns bei unseren Einkäufen behilflich sein könnte. Am Ponton hatten wir das Gefühl, dass es nicht mit rechten Dingen zuging. Man verlangte von uns 20,- €. Kurzerhand legten wir wieder ab und fuhren gegen den Strom zur Capitania. Hier lagen wir frei und sicher. Florien half uns beim Kaufen von Diesel, Obst, Gemüse, Brot. Die Vorräte konnten dank seiner Hilfe wieder aufgefüllt werden. Zum Abendessen luden wir ihn an Bord der ALEGRIA ein. Wir erfuhren von ihm viel über Land und Leute.
In der Nacht fing es an zu regnen. Der Tag wurde gar nicht richtig hell. Da die Navigation bei diesen Sichtverhältnissen schwierig ist, beschlossen wir einen „Ruhetag“ einzulegen. Neben uns legte zum Mittag mit nur 2 m (!) Abstand das Kreuzfahrtschiff „Neptune“ an. Von Oltenita starten oder enden die Kreuzfahrtschiffe ihre Besuche nach Bukarest. Schon komisch direkt neben so einer Hornisse zu liegen. Wir unterhielten uns einige Zeit mit dem Kapitän. Dieser hupte für uns zur Verabschiedung und legte, wie wir fanden, ganz besonders vorsichtig ab.
Der nächste Tag versprach etwas Wetterbesserung... es ging weiter. Trotzdem hatten wir mit einigen Schauern zu tun. Das Suchen der Betonnung stellte sich als besondere Herausforderung dar, da das Fahrwasser teilweise komplett anders war, als unsere Karte es anzeigte. Bei diesigem Wetter oder Regen werden die Tonne erst sehr spät erkannt. Einmal tasteten wir uns sehr vorsichtig um eine Insel herum, bis wir endlich eine Tonne erblickten. Ich habe nie geglaubt, dass das Finden einer Fahrwassertonne so viel Freude bereiten kann. Es war schon etwas wie eine „Schnitzeljagd“.
Was dann kam, habe ich erhofft, dass es uns nie nie nie passiert. Der Motor ging einfach während der Fahrt aus!!! Wir trieben im Strom mit 5 k/h. Da hat sich Carstens Berechnung mit seinem Holzstäbchen nicht bewahrheitet... wir haben keinen Diesel mehr im Tank. Also mitten auf der Donau mit Kanistern getankt... mit Kurs auf eine unübersichtliche Kurve. Der Tank musste jedoch auch wieder entlüftet werden. Das kannte Carsten ja nun schon von Saal, dem Beginn unserer Reise. Gut, dass wir das schon einmal hatten, denn so war das Problem zumindest nach einer Stunde gelöst. In dieser Zeit habe ich versucht die Alegria so gut es ging im Strom zu halten. Unser Glück war, dass die Donau an dieser Stelle zu beiden Seiten genügend Wassertiefe hatte. Wir wurden vom Strom nur auf das eine Ufer zugetrieben. Ich wollte den Anker werfen, Carsten sah noch keine größere Gefahr, da die Wassertiefe noch stimmte. Irgendwann, ich glaub nach tausend Strudeln, konnte ich die ALEGRIA wieder etwas steuern... da kam auch schon das nächste Problem. Ein riesiger Schubverband tauchte hinter einer Insel auf und näherte sich. Auch dies war für Carsten noch kein Problem, da er ja nach seinem Empfinden noch weit entfernt war. Ich nötigte ihn einen Funkspruch abzusenden, da wir uns immerhin manövrierunfähig im Wasser bewegten und die falsche Seite benutzten. Wie viel Hoffen steckte in jedem Versuch, den Motor zu starten. Es wollte und wollte nicht gelingen. Nach 5 km Treiben im Strom passierten wir einen offiziellen Ankerplatz für die Berufsschifffahrt. Hier fiel unser Anker, da wir außerdem auf ein Flach zutrieben. Dann Funkspruch... der Schubverband hielt direkt auf uns zu... drehte danach etwas ab und zog vorbei. Carsten verschwand wieder im Motorraum. Es kam erneut ein Schubverband auf uns zu. Wieder ein Funkspruch... der Schubverband stoppte und ankerte nur kurz hinter uns. Dann ein weiterer Versuch, den Motor zu starten... mit einem lauten Schrei meinerseits sprang der Motor schließlich an. Erleichterte Blicke... Der Motor wurde noch einmal richtig durchgepustet, bis er rund lief. Wir beschlossen aber letztendlich für die Nacht doch liegen zu bleiben, da es bereits dunkel wurde. Also Motor wieder aus. Das alles passierte ab dem Tanken im strömenden Regen...what a day! Carsten hat den ganzen Abend versucht, die Ursache des Übels zu klären und stellte alle möglichen Berechnungen und Durchschnittswerte an. Dies soll uns bitte nie wieder passieren!
Der nächste Tag versprach ebenso spannend zu werden, da wir durch eine Engpassage mussten, die nicht in der gesamten Fahrwasserbreite genügend Wassertiefe für uns bereithielt. Hier war es erforderlich, sich langsam vorzutasten. Das es die letzten zwei Tage geregnet hatte, waren wir mutig, dass wir den Weg finden würden. Dies sollte vorerst unser letzter Tag auf der Donau werden. Die letzten 50 km bis Cenavoda lagen vor uns.
Wir nahmen uns vor, auf ein Berufsschiff zu warten... die müssten den Weg durch die Sandbänke ja wissen. An der Stelle angekommen sahen wir durch das Fernglas einen Schubverband in der Engstelle... prima, den beobachten wir. Nur leider bewegte sich dieser nicht mehr. Irgendwann kamen wir zu dem Entschluss, dass sich dieser wohl festgefahren hat.
Genau an dieser Stelle gibt es zum Glück einen Alternativweg (Donaukilometer 345 – Balakanal / Borcea-Arm / stromauf von Harsova (km 241) bis Cernavoda (297)). Er beinhaltet zwar auch einen Umweg von ca. 100 km, garantierte uns jedoch das Weiterkommen und genügend Wassertiefe. Um eine Bestätigung unserer Entscheidung zu erhalten, funkte Carsten in einem sehr lustigen Rumänisch-Russisch-Englisch-Kauderwelsch. Wir hörten „Bala da (ja) Casa Gheorghe nu (nein)“. Übrigens sprechen die Rumänen „ALEGRIA“ sehr schön aus.
Die Fahrt ging weiter durch einen sehr faszinierenden Seitenarm der Donau. Die Donau hatte teilweise mal wieder eine Tiefe von 25 m. Diese Unterschiede machten sich durch erhebliche Strudel bemerkbar. Unzählige Seidenreiher, Kormorane und sonstige Vögel säumten neben den zahlreichen Fischern das Ufer. Die Dörfer schienen in ihrer Entwicklung vor 50 Jahren stehen geblieben zu sein. Eselkarren, Wäsche waschen in der Donau, keine befestigten Straßen, Wellblechdächer ...
Das Einzige, was an die heutige Zeit erinnert waren die unzähligen Plastikflaschen und Plastiktüten. Sie müssen andere Sorgen haben, dass ihnen ihre Umwelt gleichgültig zu sein scheint. Wie selbstverständlich wird der Müll am Ufer der Donau entladen... das nächste Hochwasser wird es schon mitnehmen. Ich fragte mich so manches Mal, wie geduldig die Donau ist und was sie verkraftet. Mich machten diese Bilder sehr traurig und nachdenklich. Kurze Zeit später merkten wir nichts mehr von Zivilisation und sind mit uns und der Welt wieder allein. Wir ankerten vermutlich das letzte Mal auf der Donau.
Am nächsten Morgen nahmen wir ein letztes Bad in der Donau und fuhren stromauf unsere letzten 58 Kilometer. Die Donau legte an Schönheit noch einmal zu und veränderte noch einmal ihr Bild . Es tauchten Felsen und sanfte Hügel an den Ufern auf. Unzählige Inseln, vereinzelt ein paar Kühe, Schafe oder Ziegen. Hier hat noch jede Herde ihren eigenen Hirten. Und plötzlich stiegen hinter einem Felsvorsprung kreischend eine riesige Wolke Pelikane hoch. Sie formatierten sich, was so seine Zeit benötigte. Wir hatten das Bild vor Augen, dass sie sich mit uns gemeinsam auf den Weg in den Süden machen. Die Spitze wurde immer kleiner und verschwand schließlich ganz. „Gute Reise !“
ALEGRIA sollte auf den letzten 10 km noch einmal richtig arbeiten. Sie schaffte bis dahin ihre Strecke gegen den Strom gut. Es fragten uns zwei Fischer, ob wir sie schleppen könnten. Die Festmacherleine rübergeworfen und schon hatten wir zwei glückliche Fischer hinter uns. Bis Cernavoda waren wir zu viert. Als Dank schenkten sie uns zum Schluss zwei riesige Fische.
Wir legten wieder am Ponton der Capitania an. Man fuhr uns erneut wie selbstverständlich kostenlos zum Einkaufen und zum Diesel kaufen. Für unser Abschlussmenü besorgten wir frisches Gemüse und Obst in allen Farben. Das Ausnehmen der Fische war eine große Überwindung. Dies erledigte Carsten, da er bei den Wetten, um die Fahrwassertonnenfarbe des öfteren verloren hatte. Hiermit wurden seine „Wettschulden“ mehr als eingelöst. Der Fisch wurde gefüllt, das Gemüse bereitet und bald saßen wir zufrieden fürstlich speisend auf der ALEGRIA.
Das war sie nun die Donau. Die sagenumwobene, vielbeschriebene, angsteinflößende, nährende und beindruckende Donau. Fühlen wir Bedauern ? Nein, wir sind glücklich sie bereist zu haben. Auf ihr, mit ihr und von ihr gelebt zu haben. Wir sind glücklich so viele hilfsbereite und gastfreundliche Menschen getroffen zu haben. All das Gelesene über die Formalitäten und die hohen Preisen für Touristen, die neidischen Blicke, können wir nicht bestätigen.
Wir sind glücklich unsere eigenen Erfahrungen entgegen der viele Warnungen zahlreicher Menschen, die es auch nur gehört haben, gemacht zu haben. So wurden wir gewarnt vor Piraten, Banditen, Zollbeamten, die einen nur weiterlassen, wenn man sie entsprechend entlohnt. Ein bulgarischer Kapitän warnte uns in einer Schleuse sogar vor den Rumänen, wir sollten alles unter Deck verstauen, uns bewaffnen, da man uns sonst nur noch das Holz des Schiffes übrig lässt.
Wir sind glücklich so viel Schönheit gesehen und erlebt zu haben. Unberührte Natur, unzählige Vogelarten, sternenklare Nächte, Regenbögen, Stille, Morgennebel, quirlige Städte und beeindruckende Bauten.
Wir sind glücklich so manches Abenteuer gemeinsam überstanden und gelöst zu haben.
Wir lernten die Donau sowohl zahm als auch aufbrausend und wild kennen. Wir haben uns manchmal gewünscht, sie wäre tiefer.
Wir haben gemeinsam viel gelacht, gebangt, gehofft, gestaunt. Waren zusammen angespannt und entspannt... Es blieb alles im Fluss und wechselte sich ab... es war ein wunderschöner erster Abschnitt unserer Reise, den wir nicht missen möchten.
Am nächsten Morgen fuhren wir nach einem Schubverband bei strahlendem Sonnenschein in die Schleuse ein. Das Schleusentor schloss sich hinter uns. Vor uns lagen 65 km Kanal, der eine Verbindung zwischen Donau und Schwarzem Meer ist. Wie eine Zeitschleuse bringt er uns in eine andere Welt ...