Die Walachei ...
Wir sind in der Walachei und wie es der Name schon sagt, so gibt es in der Walachei wirklich nichts. Wir sind mit uns und der Natur allein. Daher ankern wir oft hinter einsamen Inseln mit wunderschönen Sandstränden. Die Donau ist unser Bad. Hier verdient die Donau den Namen Strom. Sie unterscheidet sich von einem Fluss durch ihre Größe. Ihre Arme umschlingen Tausende von Inseln. Heute war die breiteste Stelle sechs Kilometer. Dennoch kann sie nicht einfach überall befahren werden. Wir müssen sehr aufmerksam sein, um das Fahrwasser zu finden. Meistens begegnen uns an den engsten Stellen die riesigen Schubverbände. Im Vergleich zur oberen Donau werden die Schiffe immer größer und breiter.
Die Menschen hier sind geradezu erfreut freundlich. Mit beiden Armen stehen sie winkend am Ufer oder heben ihre Mützen und Hüte hoch. Wir sind wirklich erstaunt. ALEGRIA wird überall bewundert. Die großen Schubschiffe hupen uns kurz zur Begrüßung an und deren Kapitäne kommen mit dem Fernglas aus dem Fahrerstand, um uns zuzuwinken und uns zu betrachten... na gut, wohl eher die ALEGRIA.
In Bechet (km 679) liegen wir wieder an einem Ponton der Capitania. Wir benötigen Brot und Wasser. Wie selbstverständlich werde ich in den 4 km weiten Ort gefahren, um dort einzukaufen. Der Supermarkt ist allereinfachst ausgestattet. Obst und Gemüse suche ich vergebens. Brot und Wasser bekomme ich. Die Milch ist allerdings auch ausverkauft. Somit nehme ich noch eine Dose Champignons und Tomaten mit. Die Fahrt mit dem Leiter der Capitania war sehr amüsant. Er legte eine AC/DC-CD ein. Diese so laut, dass es alles auf mich sehr unrealistisch wirkte. Um mich herum Eselkarren mit Frauen in Kittelschürzen, eine Landschaft, wie man sich die Walachei vorstellt und Claudia rasend auf einem Highway im Auto der Capitania mit ohrenbetäubender AC/DC-Musik. Zurück am Schiff laden wir den Leiter der Capitania auf einen Kaffee ein. Wir unterhalten uns in verschiedensten Sprachen über Dies und Das. Carsten sattelte später seinen Trolley. Er wollte von der naheliegenden Tankstelle Diesel in Kanistern als Reserve holen. Die Säule war ausgetrocknet... keine 40 l mehr zu haben. Unverrichteter Dinge kam Carsten zurück. Auch hier bot der Mann der Capitania an, uns in den 20 km entfernten größeren Ort zu fahren. Das nahmen wir jedoch nicht an, da wir nicht so dringend Diesel benötigten. Am Abend wurde uns schließlich noch angeboten, im Ponton zu duschen. Unsere erste Dusche seit Budapest (Heilbad)! Sonst duschen wir mit einer Solardusche an Deck oder baden in der Donau. Nach dem Schichtwechsel wurde französisch gesprochen. In Rumänien sprechen sehr wenig Menschen englisch. Bei den jüngeren Leuten kann man Glück haben. Die älteren Leute sprechen teilweise französisch.
Die Fahrt ging weiter durch die Walachei vorbei an endlosen Wäldern sandigen Ufern und Inseln. Mit Carsten ist es sehr lustig Tonnen ausfindig zu machen. Er hat eine rot-grün-Farb-Sehschwäche. Bei Gegenlicht oder diesigem Wetter kann er die Farbe nicht immer wirklich unterscheiden. Er wettet immer felsenfest auf eine Tonnenfarbe und letztendlich ist es doch die andere Fahrwassertonne. Wir hatten dabei schon viel Spaß.
Nach viel, viel Natur ankerten wir ein weiteres Mal. Um uns herum keine Zivilisation. Die Nacht war so still, dass wir an Deck bei einem Glas Rotwein miteinander flüsterten oder schwiegen. Kein Fernseher oder Radio hätte dieses faszinierende Hörspiel ersetzen können. In weiter Entfernung sahen wir die zahlreichen Blitze von einem näherkommenden Gewitter.
Der nächste Tag war landschaftlich sehr unterschiedlich. Wir nahmen uns 100 km vor. Soweit sind wir bisher an einem Stück noch nicht gefahren. Zunächst wieder nur Wald, Inseln und Sandstrände. Ab und an mal ein Zigeunerdorf, bestehend aus lauter Bauwagen. Vereinzelt ein paar Angler. Riesige Vogelschwärme, die sich vor uns in die Höhe bewegen, um ein paar Hundert Meter später wieder zu landen. Kühe, die im Wasser stehen. Auf einer Landzunge sahen wir mindestens 30 Pelikane... In der Nordsee würden an dieser Stelle Seehunde sitzen. Hier sind es die Pelikane. Es war wunderschön anzusehen.
Was danach kam konnte im Gegensatz nicht extremer sein. Wir durchfuhren Industriestädte (Turnu Magurele, Zimnecea und Svistov) mit unzähligen Schornsteinen, Kränen, Silos und verfallenen Fabrikgebäuden. Alles, alles, alles war grau oder rostig. Es war schrecklich und hat teilweise fürchterlich gestunken. Aber es schien oftmals verlassen und einfach so in die bisher unberührte Natur gestellt. Es wirkte verfallen und rostete vor sich hin. Kein schönes Bild!
Ceausescu wollte Rumänien unabhängig von anderen Ländern machen und errichtete überall riesige Industrieanlagen. Diese wirtschafteten sich herunter und konnten nach dem Ende seiner Diktatur nicht mehr erhalten bleiben. Die unglaublichen Überreste stehen wie riesige Burgen an diesem Abschnitt entlang des Donauufers. So ist auch unser nächstes Nachtlager ein Industriehafen. Der betrunkene Hafenmeister von Giurgio hat uns nach zahlreichen Stempeln und Anlegeerlaubnissen einen kleinen Hafen außerhalb des Fahrwassers zukommen lassen. Hier liegen wir zumindest sehr ruhig und werden von den vorbeikommenden Schiffen nicht so durchgeschaukelt. Gegenüber auf der bulgarischen Seite liegt Rousse. Es ist der größte Binnenhafen der Donau.
Das Zentrum von Giurgio liegt 4 km entfernt... wir werden unsere Vorräte wieder nicht auffüllen... Stattdessen erneut Motorenkunde! Wir haben wieder Wasser (diesmal nur 2 Liter) in der Bilge. Es scheint von der Stopfbuchse zu kommen. Carsten betätigte die Fettpresse und legte die Alegria trocken. Tolle Abendbeschäftigung! Hoffentlich ist das Problem damit gelöst... wäre ja mal einfach gewesen