Budapest - zwei Tage später (1.09.06) ...
Heute wurden wir mit Sonne geweckt. Wie anders dieses Budapest doch gleich aussieht. Ich holte Brötchen. Derweil machte Carsten ein „Sonntagsfrühstück“ mit Eiern, Milchkaffe, Tee, Blutorangensaft, Melone, Joghurt, Marmelade, Käse,... es fehlte nichts. Dies könnte wirklich ein schöner Tag werden.
Während des Frühstücks klingelte das Telefon. Frau Katarin, mit ihr hat Carsten in den letzten Tagen schon öfter telefoniert. Bis wir ihre Telefonnummer herausfanden, hat Carsten über den „Action-Service“ von Volvo-Penta (Hersteller unseres Motors) in Belgien nach Österreich bis endlich zur angeblichen Volvo-Penta-Vertretung in Ungarn angerufen. Alle bisherigen Nummern waren entweder für Automotoren oder sie konnten (wollten?) uns nicht helfen. Ein dickes Dankeschön an dieser Stelle an Rolf, unser Lagezentrum in Deutschland . Er schickte uns gleich über SMS einige Telefonnummern. Leider halfen sie nicht weiter. (Kommentar von Rolf: "Ich hätte doch mitfahren sollen!")
Die Kühlwasserpumpe leckt. 3 Liter Wasserverbrauch auf 30 km sind eindeutig zu viel. Um sicher zu gehen, wollten wir eigentlich die gesamte Pumpe austauschen. Diese müsste allerdings angefertigt werden. Bis wir geklärt hatten, dass es die Pumpe nirgends auf Lager gibt und dass es an jedem Ort der Welt bis zu 3 Wochen + Versanddauer dauern würde, hatte schon einige Telefonate gekostet. Na klasse, in diesem kalten, windigen Budapest drei Wochen verbringen. Wir haben kein Wasser und Strom nur vom Nachbarschiff, welches wohl morgen ablegen wird.
Diese Frau Katarin am Telefon bescherte uns die erfreuliche Nachricht, dass die bestellten Ersatzteile für die Pumpe heute mitgeliefert wurden. Das dies so schnell ging verdanken wir wirklich ihr. Wir bekamen später von Mechanikern zu hören, dass es Ersatzteile sonst nie so schnell gibt. Jetzt versucht Carsten die Pumpe zu reparieren und nicht komplett auszutauschen. Im Reparieren von Pumpen ist Carsten ja inzwischen geübt, da er vor ca. zwei Wochen die defekte Seewasserpumpe wieder in Gang brachte. Seitdem haben wir von dort kein Wasser mehr ins Schiff bekommen. Nur wie kann das Pumpegehäuse geöffnet werden, um an die Welle, den Impeller und die Dichtungsringe zu kommen ?
Mit etwas Glück müssen wir doch nicht das ganze Wochenende in Budapest verbringen. Dabei fange ich so langsam an, die schönen Seiten von Budapest zu entdecken. Inzwischen ist es auch schon wieder wärmer geworden.
Gestern waren wir in einem sehr alten Heilbad von 1899. In einem Jugendstilbau mit wunderschönen Mosaiken, Säulen und Statuen verbrachten wir den Nachmittag. Seit hunderten von Jahren kommen wohlsituierte Budapester hierher, um in den warmen Quellen zu baden. Das Dampfbad, die Sauna, das Sprudelbecken,... eine Wohltat bei der Kälte draußen. Der kalte Wind ist eigentlich das Unangenehme. Wir wollen aber nicht klagen, denn vor ca. einer Woche am Nationalfeiertag der Ungarn ist hier ein Orkan über Budapest gefegt und hat viel Schaden angerichtet. Es war kurz bevor ein Feuerwerk gezündet werden sollte, so dass viele Leute auf den Straßen waren. Viele flüchteten in Hotels und bekamen dort Handtücher. Wir haben gelesen, dass einige teure Hotels ihre Türen verschlossen, obwohl sie noch Leute hätten aufnehmen können. Vier Menschen starben bei dem Unwetter. Wenn ich das höre, dann lass ich Kälte, Kälte sein und bin froh zu dieser Zeit nicht in Budapest gewesen zu sein.
Nach unserem „Wellness-Tag“ schlenderten wir noch hungrig durch eine 1890 errichtete und 1994 renovierte Markhalle. Traumhaft diese Auswahl an Obst und Gemüse. Wir kauften reichlich ein und bereiteten uns ein köstliches Abendessen. Erneut stellten wir fest, dass es schön ist nach Hause auf die ALEGRIA zu kommen. Das schützende Dach, die wärmende Petroleumlampe, der Duft des Essens trägt dazu bei, dass es um uns herum ungemütlich sein kann. Wir haben uns und unsere ALEGRIA.
Heute sieht die Welt schon wieder anders aus.
Von Markus und Esther sowie Luka und Isabell öffneten wir am Morgen einen Brief. Sie haben uns für jeden Monat einen Umschlag mitgegeben. Wie schön, von lieben Freunden begleitet zu werden !
Leben bedeutet unterwegs zu sein,
nicht möglichst schnell anzukommen.
Dieses stand unter anderem auf ihrer Karte. Wie wahr und gerade jetzt zutreffend. Somit wollen wir auch den verlängerten Aufenthalt in Budapest genießen...
Budapest überzeugt von seinen Gebäuden. Im Gegensatz zu Wien wendet Budapest seine ganzen Prunkbauten der Donau zu. Es wird ein Genuss sein, Budapest auf dem Wasserweg zu verlassen (mal abgesehen davon, dass dafür unsere Pumpe auch wieder funktioniert). Man fährt vorbei am 1884 bis 1904 erbauten beeindruckenden Parlament, am Königspalast mit Fischerbastei durch die berühmte Kettenbrücke und zahlreichen Kirchen. Dieses haben wir bereits mit Metro und zu Fuß gesehen. Budapest bietet mit Sicherheit noch mehr, wir wollen es dabei belassen, da wir gerade andere Sorgen haben und uns die Mentalität dieser Stadt nicht zusagt.
Carsten ist übrigens gerade mit den Ersatzteilen in eine weitere Werkstatt gefahren. Die Pumpe muss auf 120 °C erwärmt werden, um sie zu öffnen und die Ersatzteile ausgetauscht werden können. Wer macht uns dies noch vor dem Wochenende? Es ist bereits Freitag 15.00 Uhr. Ich bin auf seine Rückkehr gespannt.
Das was ich gerade gesehen habe glaube ich nicht ganz. Mir gegenüber, in einem sogenannten Motorboot-Club (sie wollten uns nicht, da angeblich ihre Stege zu kurz sind), sitzt schon seit längerem ein Mann und telefoniert auf seinem Boot. Er zog sich hastig an und nahm noch einen kräftigen Schluck aus seiner Dose. Diese warf er dann einfach über Bord...arme Donau! Wieso kann er den Lebensraum um sich nicht respektieren ?
Neben mir sind mal wieder zahlreich Kajakfahrer unterwegs. Sie nehmen diesen Seitenarm als Trainings-Rennstrecke. Hinter ihnen fährt brüllend ein Trainer im Motorboot hinterher. Er lässt die ALEGRIA von seiner Heckwelle ziemlich schaukeln. Morgens trainieren hier ganze Schulklassen mit brüllenden Lehrern. Sie würdigen uns keines Blickes. Sehr verbissen sehen sie ihrem Ziel entgegen. Ein Junge lächelte mich an... er war der langsamste. Vielleicht war er der einzige, der uns wahrgenommen hat. Ihm gilt meine Sympathie bezüglich der Langsamkeit!
Dann hörte ich „Viva la bomba“ („Es lebe die Pumpe“) von Carsten aus der Ferne rufen.
Carsten ist zurück von seiner Odyssee und so, wie er sich anhört wohl auch erfolgreich. Mit Händen und Füßen hat er sich verständlich gemacht. Die Pumpe wurde ihm unter Flammen geöffnet. Jetzt hat er sie stolz bei sich und zeigt mir die zerbröselten Teile, die defekt waren. Damit hätte ich auch viel Wasser verloren. Pumpe wieder eingebaut... Motor läuft um 18.20 Uhr. Viele kritische Blicke von Carsten. Er sucht, kontrolliert, beobachtet,... er sieht aber ganz zufrieden aus.
Beim Einsetzen der Motorwandteile sagte Carsten noch: „So Alegrichen, jetzt bleib mal schön trocken, ich habe nämlich keine Lust, ständig deine Inkontinenz zu beheben.“ So ist das halt mit alten Damen
Wir werden jetzt noch ein Internetcafe´ aufsuchen um der Welt all dies mitzuteilen. Wenn alles gut läuft verlassen wir morgen (!) Budapest.