Fahrt durch die Wachau ...

Schutzengel an Bord

Die Fahrt von Linz führte uns zunächst an hässlicher Industrie vorbei. Adolf Hitler hatte auch hier sein Unwesen getrieben. Er wollte Linz zur schönsten und mächtigsten Donaustadt machen und sie dadurch noch über das prachtvolle Budapest heben. In kürzester Zeit wurde eine Rüstungsindustrie aus dem Boden gestampft. Heute liegt hier ein riesiges Eisen- und Stahlwerk, ein Stickstoffwerk und diverse Chemiefabriken... Die Gerüche waren ekelhaft. Die Landschaft änderte sich erst wieder kurz vor Grein. Grein sollte unser nächster Hafen sein. Nach Angaben des Hafenverantwortlichen sollte dieser tief genug sein. Vorsichtig tasteten wir uns durch die Hafeneinfahrt. Das Echolot zeigt 0. Schon wieder auf Grund. Ein zurück war aber kein Problem. Ein kleines Motorboot wollte vorausfahren und uns im Zickzack durch die Hafeneinfahrt lotsen. Es glückte !!! Mit Franz Biberauer, dem Hafenwart, unterhielten wir uns noch sehr lange über unsere Fahrt bis zum Schwarzen Meer. Er unternahm die Tour vor 2 Jahren mit einer Plette. Das sind Boote, die an Frachter gehängt werden können. Er hatte zumindest nicht mit dem Tiefgang seiner Plette zu tun. Franz schenkte uns noch eine Donaukarte auf CD.

Am nächsten Tag sollte es weitergehen. Die Leute vom Nachbarboot (ein altes Stahlpassagierschiff) verabschiedeten uns. Alles klappte trotz des starken Windes perfekt. Bis wir bei der Hafeneinfahrt waren. Wir sollten uns nach Angaben von Franz dicht an der Kaimauer halten... dass war wohl zu dicht... jedenfalls saßen wir fest. Wir saßen so fest, dass wir mit unserer Motorhilfe nicht freikamen. Das nette Ehepaar vom Nachbarschiff bemerkte unsere Not und wollte uns frei schleppen. Dies war aufgrund des Windes jedoch nicht so leicht, da es ein sehr schweres, schlecht zu manövrierendes Schiff ist. Wir versuchten es von vorne und von hinten... nichts gelang. Der Wind wurde so stark, dass sein Schiff auf unser gedrückt wurde. Der Mast verfing sich in seinem Schiff. Nur durch den ganzen Krafteinsatz von Carsten und mir, gelang es, dass kein größerer Schaden entstand. Unsere hintere Maststütze brach aus der Verankerung. Ich glaubte bereits, dass der gesamte Mast brach. Wir sagten die Schleppaktion mit einem dicken „Danke“ ab. Es war zu riskant, dass dies erneut passierte bzw. er sich noch einen Schaden an seinem Boot einhandelte.

Da wir so fest saßen, hatten wir Zeit, um den Mast wieder richtig zu verzurren. Der Wind hätte uns anderenfalls gnadenlos auf die Kaimauer und die davor liegenden Steine gedrückt. Jetzt stand nur noch das Problem, dass wir nicht zur Seite kippen. Wir versuchten es mit einem Anker, denn direkt neben dem Schiff wurde es ausreichend tief... die Strömung war zu stark. Carsten machte kurzen Prozess, entkleidete sich und nahm ein Bad in der Donau. Wie Herkules drückte er die ALEGRIA zurück. Ihn verließen bereits die Kräfte, als die schwere Lady mit leichter Motorunterstützung frei kam. Jetzt nur weg hier... zum Glück nahm die Tiefe sofort wieder zu.

Jetzt sollte es durch den angeblich nicht ganz ungefährlichen Hößgang gehen. Früher kam hier aufgrund der vielen Strudel und Felsen zahlreiche Menschen ums Leben. Schiffsführer durfte man damals übrigens nur sein, wenn man verheiratet war. Junggesellen wurde nicht so viel Verantwortung zugesprochen. Weiterhin musste ein Schiffsführer Nichtschwimmer sein, damit er nicht einfach das Schiff verließ.

Heute ist das Wasser soweit aufgestaut, dass man nicht durch Felsen lenken muss... die Fahrt wurde etwas schneller, die Stelle ist sehr eng, doch Gefahr ging von ihr nicht aus. Vielleicht waren wir auch einfach noch von dem Vergangenen so eingenommen.

Die Fahrt verlief weiter an zahlreichen Türmchen, Schlössern, Burgen und natürlich Kirchen vorbei. Langsam setzte sich bei uns eine Entspannung ein, so dass wir die Landschaft genießen konnten. 

Letzte Schleuse für den Tag war die am bekannten Kloster Melk. Vor einer mächtigen Kulisse sahen wir das Kloster bereits aus der Ferne. Dabei sollte es dann leider auch bleiben. Die Strömung nahm nach der Schleuse so zu, dass wir uns ganz auf den Fluss konzentrieren mussten. Das Fahrwasser wurde sehr schmal und zahlreiche Schiffe kamen uns entgegen. Unser Zielhafen Spitz lag noch ca. eine Stunde entfernt. Die Fahrt wurde immer schneller. Die roten Tonnen schossen wie Torpedos an uns vorbei... wirklich lustig fanden wir dies nicht. Nach einiger Zeit kamen wir zur Hafeneinfahrt... oh je, wie sollen wir die gegen die Strömung erreichen? Ich übergab das Ruder an Carsten, da ich es bei dem Druck gar nicht halten konnte. Die Fahrt hatte an diesem Punkt etwas von einer Wildwasserfahrt. Es war ein Kampf der ALEGRIA gegen die Strömung. Der erste Versuch wurde abgebrochen. Da die Dämmerung einsetzte, gab es für uns keine Alternative... eine Weiterfahrt wäre nicht denkbar gewesen. Zumal wir von den vorherigen Anstrengungen sehr müde waren. Wir hatten Glück, dass zu dieser Zeit kein Verkehr war.

Ein zweiter Versuch. Carsten hat die ALEGRIA direkt mit dem Bug zur Strömung manövriert. Sie schien still zu stehen. Vollgas! Der Gashebel lag auf „volle Kraft“. Zentimeterweise tasteten wir uns vor... mit immer ein bisschen mehr Drift zur Hafeneinfahrt.

Wir schaffen das!!! Dann endlich... wir waren durch, die Strömung wurde schlagartig weniger. Jetzt bloß Gas zurück, denn wir wussten noch immer nicht, wie tief es hier wirklich war. Die Schutzengel hatten wohl für uns ausgebaggert. Hier hatte der Hafenmeister, bei dem wir uns zuvor erkundigten, ausnahmsweise mal recht. Er meinte: “das müsst scho´ guat ausgeh´n.“

Wir lagen uns vor Erleichterung in den Armen. Das Essen und der Wein schmeckte jetzt ausgezeichnet. Wir kamen uns vor, wie nach einem Siegeszug.

 

zurück